Dynamos höchster Heimsieg in der DDR-Oberliga

Nicht jeder der 19 000 Zuschauer wird am Samstag, den 05.09.1981 den Überblick über die Dresdner Torschützen behalten haben, als dieses ungleiche Duell zwischen der SG Dynamo Dresden und Chemie Buna Schkopau abgepfiffen wurde.

 Bild Chemical plant „Buna-Werke“ in the evening light (DOW) mit freundlicher Genehmigung von © gynti_46 www.flickr.com

Es trafen der fünfmalige Meister und ein absoluter Neuling in seinem ersten Jahr in der höchsten Spielklasse der DDR aufeinander. David gegen Goliath, ohne glückliches Ende für den Underdog. Glücklich gingen nur die Fans der Schwarzgelben an diesem Nachmittag nach Hause. Dabei waren die Ausgangsbedingungen für den kleinen Verein gar nicht so schlecht. Die SG Dynamo Dresden befand sich nach dem Eklat um Matthias Müller, Gerd Weber und Peter Kotte in einer Findungsphase. Neue Spieler mussten möglichst schnell integriert werden, konnten aber natürlich die drei Dresdner Nationalspieler nicht ersetzen. So spielte beispielsweise Klaus Mahlzahn an diesem Nachmittag zum allerersten Mal für die Dynamos. Insgesamt spielte er nur 3x in der 1. Mannschaft, wenn in einer Spielervita jedoch genau dieses Spiel enthalten ist, so kann sich das durchaus sehen lassen.

Während Schkopau mit einer Niederlage gegen die BSG Wismut Aue und einem Sieg gegen die BSG Energie Cottbus achtbar gestartet war, hatten die Dresdner am Wochenende zuvor eine 0:4 Klatsche gegen den FC Rot-Weiß Erfurt erhalten, und das ausgerechnet im 444. Spiel in der DDR-Oberliga. Zur Saisoneröffnung hatte sich Dynamo gegen Vorwärts Frankfurt/Oder zu einem vom Ergebnis her knappen 1:0 durchgewurschtelt. Wahrscheinlich war genau das der Genickschuss für die Spieler von Chemie Buna Schkopau. Dynamo wollte und musste seine Fans als aktueller Tabellenneunter versöhnen.

Der Neuling spielte mit einer extrem unerfahrenen Mannschaft. Die meisten Spieler hatten in den Jahren zuvor zweit- oder gar drittklassig gespielt. Kapitän der Schkopauer war Roland Nowotny, ein alter Recken vom Halleschen FC Chemie, der seine Oberligakarriere nach 197 Oberligaspielen und 35 Toren eigentlich bereits im Sommer 1978 beendet hatte und nun mit 33 Jahren plötzlich wieder mittendrin war.

Die Fans im Rudolf-Harbig-Stadion hatten kaum ihre Plätze eingenommen, als Hartmut Schade nach 2 Minuten mit seinem 30. Oberligator das Erste des Tages schoss.

Bild „namo“ mit freundlicher Genehmigung von © Felix Hedel (tout droit) www.flickr.com
Nach nicht einmal 10 Minuten hatte Ralf Minge nachgelegt, der Abwehrspieler Christian Helm sorgte schließlich dafür, dass den Schkopauern spätestens nach einer Viertelstunde bewusst wurde, was für eine Lehrstunde es an diesem Nachmittag würde geben können.

Roland Nowotny, dem am 05.09.1981 in seinem 200. Oberligaspiel garantiert nicht zum Feiern zumute war, erinnerte sich in einem Gespräch mit der Mitteldeutschen Zeitung:

„Beim 1:10 gegen Dynamo Dresden rannte mich Reinhard Radsch um und sagte: „Entschuldige bitte, der Trainer (Olaf Keller) hat gesagt, ich muss dem Trautmann (Spieler von Dynamo) folgen““, denkt Roland Nowotny zurück und verfällt in ein herzhaftes Lachen. „Aber genau wegen solcher Momente war es meine schönste Zeit als Fußballer.“ 

Zufrieden verabschiedeten die Fans der Dresdner Dynamos ihre Mannschaft in die Halbzeitpause. 6 erzielte Tore weckten Erinnerungen an die bisher höchsten Dresdner Heimsiege in der DDR-Oberliga. Mit jeweils 7:0 gegen Aktivist Brieske-Senftenberg (10.03.1963) und gegen die BSG Energie Cottbus (23.03.1974) gab es in früheren Jahren bereits hohe Schlappen für die Gäste. Würde es vielleicht an diesem Nachmittag einen noch höheren Sieg zu bestaunen geben?

Spätestens nach 50 Minuten, als Hans-Jürgen Dörner die bisherigen 7:0 egalisierte, wollte Dresden mehr. 2x Andreas Trautmann, dem Reinhard Radsch an diesem Nachmittag wohl vergeblich hinterher lief und außerdem Andreas Mittag, bei einem Gegentor von Frank Kuhnt, sorgten letztendlich dafür, dass die SG Dynamo Dresden am 05.09.1981 sagenhafte 10 Tore in einem einzigen Spiel erzielte. Auch für Chemie Buna Schkopau war dieses 1:10 eine Klatsche für die Ewigkeit.

Nach diesem Spiel war der Dynamo der Dresdner angelaufen. Mit dem Vizemeistertitel am Ende der Saison und dem Gewinn des FDGB-Pokals blieb die Saison 1981/82 in guter Erinnerung. Das Rückspiel war weniger spektakulär und endete 1:0 für die Dresdner. Chemie Buna Schkopau verlor auch die nächsten Spiele, am Ende reichten 11:41 Punkte und 21:77 Tore nicht zum Klassenerhalt.

Roland Nowotny erinnert sich noch einmal an „vor-magathsche“ Trainingsmethoden:

„Es kamen ja zum Teil Spieler aus der Bezirksliga (damals dritte Liga), die standen beim ersten Training in der Ecke und haben sich übergeben. Wir haben gekämpft, aber es hat eben nicht gereicht.“


SG Dynamo Dresden – Chemie Buna Schkopau 10:1

Samstag, 05.09.1981, Zuschauer: 19 000

Schiedsrichter: Streicher (Grimmitschau)

SG Dynamo Dresden: Bernd Jakubowski (81/0) – Hans-Jürgen Dörner (273/53) – Klaus Mahlzahn (0/0), Udo Schmuck (184/26), Christian Helm (170/2), ab 73. Minute Andreas Mittag (4/0) – Andreas Trautmann (73/20), Hartmut Schade (144/29), ab 73. Minute Gert Heidler (254/48), Frank Schuster (14/1), Lutz Schülbe (2/0) – Ralf Minge (16/6), Matthias Döschner (47/9)

Trainer: Gerhard Prautzsch (80 Spiele als Trainer, DDR-Oberligaspiele 92/4)

Chemie Buna Schkopau: Jochen Habekuß – Gerd Koßmann – Roland Demmer, Herbert Skowronek, ab 56. Minute Thomas Meichsner, Detlef Schäfer – Reinhard Radsch, Roland Nowotny, Günter Krosse – Frank Kuhnt, Helmut Brandtner, ab 46. Minute Rainer Wallek, Ralf Pretzsch

Trainer: Olaf Keller

Torfolge: 1:0 Schade (2), 2:0 Minge (9), 3:0 Helm (12), 4:0 Döschner (18), 5:0 Schülbe (28), 6:0 Minge (37), 7:0 Trautmann (52) , 8:0 Dörner (70), 9:0 Trautmann (70), 9:1 Kuhnt (81), 10:1 Mittag (87)

Zitate Roland Nowotny aus Mitteldeutsche Zeitung, online 31.05.2011, Autor: Jakob Maschke

http://www.mz-web.de/servlet/ContentServer?pagename=ksta/page&atype=ksArtikel&aid=1300342894299

Statistik SG Dynamo Dresden – Chemie Buna Schkopau, DDR-Oberliga, Hg. Uwe Nuttelmann, Jade, Verlag Uwe Nuttelmann, ISBN: 3-930814-33-1, 1. Auflage Dezember 2007

http://www.weltfussball.de/spielbericht/oberliga-1981-1982-dynamo-dresden-sv-1899-merseburg/

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