Onkel Wismut hat Angst vor der Stille

Zweimal im Jahr traf ich mich mit Onkel Wismut. Einmal besuchte er mich, etwa ein halbes Jahr später machte ich mich dann auf ins Erzgebirge. Mehr ertrugen wir uns nicht, weniger wäre nicht gut, wenn man irgendwie zu einer Familie gehört. Ihr kennt das ja, man weiß genau, welche Anekdoten der andere erzählen wird und trotzdem freut man sich im Vorfeld irgendwie. Zuletzt waren unsere Besuche im Erzgebirge aber irgendwie ernüchternd gewesen. War Wismut in jungen Jahren noch sehr großzügig mit Geschenken gewesen, setzte zuletzt bei ihm bereits der Altersgeiz ein.

Onkel Wismut hatte die besten Jahre hinter sich. Man sah ihm inzwischen sein schweres Leben an. Er war über die Jahre immer lethargischer geworden. Die Haare ungepflegt, der Bart wuchernd, die Augen entzündlich gerötet und auch seine lila Schürze, die er scheinbar immer trug, spannte von Besuch zu Besuch ein wenig mehr. Stark erkältet von der unangenehmen Zugluft befürchtete er bereits bei seinem letzten Besuch, demnächst vielleicht seine alte rote Schachtlaterne suchen zu müssen. Er konnte sich nichts anderes mehr leisten…

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Aber ehe ich mich lange über meinen Onkel auslasse, muss ich hinzufügen, dass es mir nicht wirklich besser geht als ihm! Auch ich habe schwere Zeiten hinter mir und erhole mich so langsam von ihnen. Zuletzt habe ich neuen Schwung gefunden, sitze aber noch immer in meinem tiefen Kellerloch fest. Während ich jedoch weiß, dass ich bald wieder das Licht erblicken werde, scheint Wismut noch nicht die Talsohle durchschritten zu haben.

Während er bei seinem vorletzten Besuch in Dresden noch mit uns gespielt und seine Stärke demonstriert hatte, war er bei unserem Gegenbesuch sehr schweigsam. Zuletzt in Dresden schien er bereits ein Schatten seiner selbst zu sein und das, was ich zuletzt von ihm gehört hatte, klang gar nicht gut.

Ihm hatten wohl Anfang Februar die kleinen Streiche der Jungs zugesetzt. Die hatten so etwas wie eine „telefonische Klingelrutsche“ ausprobiert und Wismut immer wieder angerufen. Gerade Wismut, der doch sonst so sehr auf seine Ruhe bedacht ist. Jedenfalls hat er sich dann bei mir gemeldet, über seine schmerzende „Telefonellenbeuge“ geklagt und sich lautstark beschwert. Wohl um seinen Worten mehr Gewicht zu verleihen, drohte er damit, den Tisch für uns nicht auszuziehen und nicht zu decken. „Du musst dir halt überlegen, wen du dann mitbringst, für alle wird kein Platz sein!“ schloss er seine Schimpftirade ab.
Ihr wisst ja, wie das ist, erst unterstützt man seine Bengel gegen alles und jeden, obwohl man weiß, dass sie mutmaßlich nicht völlig unschuldig sind und dann rutschen einem Worte heraus, die man ebenfalls nicht so meint. Eigentlich ärgerte ich mich wegen einer anderen Sache gerade ziemlich, die mit meinen Jungs eigentlich nichts zu tun hatte, jedenfalls setzte ich noch einen drauf und stellte Wismut vor vollendete Tatsachen, indem ich entgegnete: „Gut, wie du willst, dann komme ich halt allein!“ Damit knallte ich den Hörer auf die Gabel.
Bald darauf schnappte ich mir die Jungs, sagte ihnen, dass sie sich unterstehen sollten, noch einmal ihren Onkel Wismut anzurufen und das ich lieber allein als mit ihnen zu Besuch fahren würde und damit war die Sache für mich abgeschlossen.
Aber irgendwie auch nicht, denn was wollte ich allein bei Wismut? Mir die ganze Zeit anhören, wie sehr ihm Rico fehlte, dass er alles dransetzte, Steffen loszuwerden und den Karsten am liebsten gleich mit? Der Wismut war so einsam, dass er auch noch die letzten vergraulte, die es bei ihm aushielten…

Doch Onkel Wismut schien es nicht anders zu gehen als mir, denn auch er fürchtete die langatmige Kommunikation einsamer alter Männer. Jedenfalls lud er auf eigene Faust meine Bengel zu sich ein. Er hatte sich sogar aufgerafft, sie persönlich anzurufen und ihnen verkündet, dass er den ganzen Tisch für sie vorbereiten und sich sehr freuen würde, wenn sie am 10.03.2013 zum Kaffee vorbeischauen würden. Damit endlich mal wieder Leben in der Bude wäre! Auch seine Jungs, der Guido, Martin, Marc, die beiden Kevins und alle anderen würden sich schon freuen. Als ich das hörte, war ich fassungslos. Vor allem das der Kevin, den ich beim letzten Besuch persönlich hinausgeworfen hatte, weil er meinen Cristian getreten hatte, sich auf uns freuen würde, konnte ich nicht wirklich glauben.

So oder so war die Sache ohne meine Einwilligung abgemacht und meine erzieherische Maßnahme mit Füßen getreten! Aber wenn es Wismut sich zutraute, mit den Jungs fertig zu werden, was konnte ich dann tun? Und besser, wir würden zusammen fahren, damit ich wenigstens einen klitzekleinen Blick (-wenn schon nicht die Kontrolle-) auf sie haben würde…

Auf der Fahrt ins Erzgebirge gab ich mich weltmännisch und stand über den Dingen. Nur zwei wichtige Hinweis gab ich den Jungs mit auf den Tag: Sie sollten sich benehmen und an die 3 Punkte denken! Die Jungs wussten Bescheid, das spürte ich!

Ein Gedanke zu „Onkel Wismut hat Angst vor der Stille

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